Haltung, Verantwortung und filmisches Anliegen

Zum Dokumentarfilm DAS FAST NORMALE LEBEN

 

Vorbemerkung

 

Dieser Text beschreibt die Haltung, den Arbeitsprozess und das filmische Anliegen von DAS FAST NORMALE LEBEN.
Er richtet sich an alle, die sich vertieft mit der Verantwortung dokumentarischen Arbeitens im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe sowie mit den Intentionen des Films befassen möchten.

Der Film löst unterschiedliche Reaktionen aus. Wir nehmen diese wahr und möchten unsere Perspektive transparent darlegen.
Unser Anliegen ist es, Sichtbarkeit für das komplexe Feld der Jugendhilfe zu schaffen, einen öffentlichen Diskurs anzustoßen und den beteiligten jungen Menschen mit Würde, Respekt und Achtsamkeit zu begegnen.

 

 

Einleitung – Haltung, Verantwortung und filmisches Anliegen

 

DAS FAST NORMALE LEBEN ist ein Dokumentarfilm über vier Mädchen zwischen, die in einer Wohngruppe der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort leben. Über einen Zeitraum von vier Jahren begleitete Regisseur Stefan Sick ihr Aufwachsen – mit ihren Hoffnungen, Widersprüchen, Rückschlägen und Erfolgen. Der Film beobachtet feinfühlig, ohne zu beschönigen oder zu dramatisieren, und ermöglicht einen authentischen Einblick in den Alltag der Jugendhilfe: einen Ort, an dem Kinder und Jugendliche zwischen Unterstützung und Selbstbestimmung ihren Weg suchen.

Im Mittelpunkt stehen die jungen Menschen, die getrennt von ihren Familien leben und dennoch den Mut aufbringen, an sich zu glauben, Nähe zuzulassen und eigene Perspektiven zu entwickeln. Der Film zeigt sie nicht als „Fälle“, sondern als handelnde Subjekte mit Verletzlichkeit, Ängsten, Stärke und Willenskraft. Dieses Erzählen auf Augenhöhe war von Anfang an das zentrale Anliegen des Projekts.

Dokumentarfilm im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe bedeutet, sich auf ein komplexes Beziehungsgeflecht einzulassen. Es verlangt von allen Beteiligten, Filmteam, Pädagog:innen, Sorgeberechtigten und Institutionen, besondere Achtsamkeit und Verantwortlichkeit. Würde, Schutz und Selbstbestimmung der beteiligten Kinder stehen für uns über dem gesamten Prozess.

Die Entscheidung, diesen Film zu realisieren, entspringt der Überzeugung, dass dokumentarisches Erzählen über Kinder und Jugendliche in der Jugendhilfe einen gesellschaftlichen Impact leisten kann: Es kann Empathie, Verständnis und gesellschaftliche Aufmerksamkeit fördern und dazu beitragen, ein System sichtbar zu machen, in das viele Menschen keinen Einblick haben. Noch immer ist Jugendhilfe für viele betroffene Familien mit Scham und Vorurteilen belegt. Der Film möchte dazu beitragen, diese Stigmatisierung zu durchbrechen und zeigen, dass Jugendhilfe eine wertvolle Entlastung und Unterstützung bietet - eine Möglichkeit, aus schwierigen Situationen herauszufinden und neue Perspektiven zu entwickeln.

Gleichzeitig möchte der Film Fragen aufwerfen: Was brauchen junge Menschen, um Vertrauen in sich selbst zu entwickeln? Wo stößt das System der Jugendhilfe an seine Grenzen? Fachkräfte sind oft überlastet, und viele junge Menschen erhalten nicht die kontinuierliche Begleitung, die sie brauchen. Einige Szenen im Film zeigen diese Brüche und Momente des Scheiterns. Uns ist wichtig, diesen Blick nicht zu vermeiden, sondern ihn als Ausgangspunkt für Austausch und Veränderung zu begreifen.

Unser Anliegen ist es, im Themenkomplex Jugendhilfe Sichtbarkeit zu schaffen. Sichtbarkeit ermöglicht gesellschaftliches Bewusstsein, und dieses ist die Grundlage für strukturelle und systemische Transformation.

DAS FAST NORMALE LEBEN versteht sich somit als Einladung zum Weiterdenken und zum Dialog.

 

 

Wachsendes Vertrauen – Filmaufnahmen mit jungen Menschen

 

Bei einem Projekt wie DAS FAST NORMALE LEBEN steht für uns als Filmteam der sensible und behutsame Umgang mit den Protagonistinnen im Vordergrund. Insbesondere, weil die Mädchen noch am Anfang ihres Lebens stehen. Die daraus resultierende Verantwortung fordert von uns, dass alle anderen Produktionsschritte dem untergeordnet werden.

Um unserem Ideal gerecht werden zu können, stand für uns fest, dass wir uns für den filmischen Prozess Zeit nehmen werden. Im Gegensatz zu kürzeren Berichterstattungen ging es uns darum, wirklich eintauchen zu können und auch dem Austausch mit den beteiligten Personen und Institutionen einen angemessenen Raum geben zu können.

 

Kennenlern-Prozess des Regisseurs Stefan Sick:

„Nach ersten Gesprächen mit der Einrichtungsleitung und intensiven Austauschen mit einer Mitarbeiterin des Fachdienstes habe ich in mehreren Wohngruppen hospitiert, um herauszufinden, wo und ob ein solcher Film möglich ist. Dabei war es mir von Anfang an wichtig, mein Anliegen allen Beteiligten klar zu formulieren: „Ich bin als Filmemacher hier und möchte einen Dokumentarfilm drehen und mir dafür die nötige Zeit nehmen.“

Die Entscheidung, in welcher Wohngruppe ich drehe, habe ich maßgeblich davon abhängig gemacht, ob mir die jungen Menschen der Wohngruppen signalisieren, dass sie Interesse an dem Filmprojekt haben. Dies wurde mir von den Kindern und Jugendlichen der Wohngruppe, die später im Film zu sehen ist, sehr deutlich vermittelt.

Mir war es wichtig, die jungen Menschen unvoreingenommen kennenzulernen. Deshalb habe ich sie bewusst nicht zu ihren persönlichen Geschichten, Hintergründen oder Krankheitsbildern befragt. Ich lernte sie und ihre Geschichten im Verlauf der Dreharbeiten kennen und schätzen.

Von Beginn an war die investierte Zeit für uns ein entscheidender Faktor. Anders als bei Fernsehproduktionen waren wir nicht darauf angewiesen, schnell Ergebnisse zu liefern. Stattdessen haben wir uns bewusst viel Zeit gelassen, damit sich die Dinge organisch entwickeln konnten und wir gemeinsam mit allen Beteiligten herausfinden konnten, was wir dokumentarisch abbilden können – und was nicht. Dadurch entstand ein vertrauensvolles Miteinander, in dem gemeinsam an der Entstehung des Films gearbeitet wurde.“

Filmteam:

 

Für den Zustimmungsprozess der Protagonist*innen zum Film sind wir folgenden Weg gegangen: Erst einmal vereinbarten wir Probeaufnahmen in der anvisierten Wohngruppe, die nur zur internen Verwendung angefertigt wurden. Bei einem weiteren Treffen zeigten wir den Beteiligten Filmsequenzen aus dem entstandenen Material. So konnten die zukünftigen Protagonist*innen und Verantwortlichen erleben, wie sich die Dreharbeiten anfühlen. Auch der erzählerische und künstlerische Ansatz des Films wurde greifbar. Alle Beteiligten erhielten dadurch eine konkretere Vorstellung, was eine Zusage zu dem Projekt bedeutet.

 

Das wachsende Vertrauen bildet die Basis von Stefan Sicks Filmarbeit. Mit den jungen Protagonistinnen wurde in den regelmäßig in der Wohngruppe stattfindenden Kinderkonferenzen gemeinsam ein Konzept erarbeitet, wie die Dreharbeiten im gegenseitigen Respekt und Einvernehmen stattfinden konnten. Schnell wurde er ein geschätzter Gast der Wohngruppe und besuchte diese nun an rund 80 Drehtagen über einen Zeitraum von gut zwei Jahren (Drehphase). Wenn ein „Nein“ formuliert wurde, hielten wir uns selbstverständlich daran. Für besonders sensible Situationen, wie z.B. die Hilfeplangespräche, wurde eine zusätzliche Einwilligung aller Beteiligten eingeholt.

 

Im Schnittprozess haben der Regisseur, die Editorin und die Produzentinnen sich intensiv damit auseinandergesetzt, wo wir Grenzen definieren, in das Leben der Protagonistinnen und ihre Geschichten einzutauchen, dabei aber einfühlsam und respektvoll zu bleiben. Dabei war es unser Anliegen, die Mädchen geduldig in ihrer Entwicklung zu zeigen und ihre Stärken und ihre Liebenswürdigkeit sichtbar zu machen.

Vor der Veröffentlichung wurde der Rohschnitt des Films in mehreren Etappen allen Beteiligten gezeigt und gemeinsam diskutiert: Nachdem wir den Film im Produktionsteam mehrfach gesichtet und besprochen hatten – unter Einbezug externer Fachleute aus Jugendhilfe, pädagogischer Arbeit sowie juristischer Beratung – wurde er an einzelnen Stellen überarbeitet. Anschließend wurde der Film in mehreren Sichtungen mit allen Beteiligten geschaut und jeweils besprochen: Mit der Einrichtungsleitung und dem Fachdienst. Mit den jungen Menschen selbst sowie ihren Familien. Und mit den Mitarbeiterinnen der Wohngruppe.

Abschließend erhielten auch alle beteiligten Vormünder, Jugendämter, Behörden, Institutionen und Therapeut:innen die Möglichkeit, den Film zu sehen und zu kommentieren. Aus allen Sichtungen und Gesprächen wurden Anmerkungen und Kritikpunkte, so es welche gab, gemeinsam überprüft, bewegt und umgesetzt.

Darüber hinaus hat der Regisseur mit den Protagonistin*innen persönliche Gespräche geführt, um sich zu vergewissern, dass jede von ihnen damit einverstanden ist, in dieser Form im Film gezeigt zu werden.

Viele der Beteiligten beschrieben den Film als wichtigen und authentischen Einblick in ihren Alltag.

Die Protagonistinnen haben die Festival-Premiere gemeinsam mit uns im Rahmen des DOK.fest München gefeiert und einzelne haben auf der Bühne engagiert das Wort ergriffen.

Auch seit der Veröffentlichung werden die Protagonistinnen durch das Filmteam und durch weitere Beratungsstellen betreut, denn natürlich ist der Schritt in die Öffentlichkeit keine einfache Entscheidung. Die Ambivalenz ist allen Beteiligten bewusst.

Es gab zahlreiche Rückmeldungen der Protagonist*innen des Films, dass sie den Film als wichtig empfinden und hinter ihm stehen.

Auch viele Careleaver*innen haben sich positiv und anerkennend zum Film geäußert.

Der Regisseur steht weiterhin mit den Protagonistinnen in Austausch. Er und das Filmteam sind stets Ansprechpartner*innen für alle Beteiligten.

 

 

Vorgehensweise der Einrichtung

 

Es gab externe Begleitung vor, während und nach den Dreharbeiten. Zwei Organisationen aus dem Bereich Jugendmedienschutz haben die Protagonistinnen und ihre Familien begleitet. Zudem steht eine Psychologin zur Verfügung sowie die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern des Hohenlohekreises. Die Dreharbeiten endeten im Dezember 2023. Die Begleitung umfasst auch den Kinostart und beispielsweise den Umgang mit sozialen Medien. Diese immer noch bestehende Begleitung geht damit sogar über die Phase der Betreuung in der Wohngruppe hinaus. 

 

Regiekommentar – Stefan Sick zu DAS FAST NORMALE LEBEN

 

Mich interessieren Themen, bei denen unser Zusammenleben auf die Probe gestellt wird. Menschen, die sich für andere einsetzen, um ein Miteinander zu schaffen, das von Würde und Wertschätzung geprägt ist.

 

Für meinen Film DAS FAST NORMALE LEBEN habe ich mich gefragt, wie es junge Menschen trotz schmerzlichen Erfahrungen und widriger Umstände schaffen können, ihren eigenen Weg zu finden, sich selbst wertzuschätzen und ihr volles Potential zu entfalten? Während der Dreharbeiten habe ich vier beeindruckende junge Menschen kennengelernt, alle mit einer einzigartigen und kraftvollen Persönlichkeit. Mit der Zeit konnte ich ihre Wünsche, Ängste und Verhaltensweisen immer besser nachvollziehen.

 

Der Film erzählt nicht von Rettern oder Schuldigen, sondern von einer Realität, in der Kinder, Eltern, Pädagog*innen und Institutionen miteinander ringen. Es ist mir wichtig, diese Komplexität zu zeigen, ohne zu vereinfachen. DAS FAST NORMALE LEBEN zeigt den Alltag in der Jugendhilfe, voller Konflikte und Brüche, aber auch voller Beziehungen, Zuwendung und Chancen.

 

Ich denke, Verständnis und Empathie sind eine entscheidende Basis, um Menschen in schwierigen Lebensphasen unterstützen zu können. Anerkennung und Wertschätzung bilden die Grundlage, auf derer diese jungen Menschen das Vertrauen in sich selbst entwickeln oder wiedererlangen können.

 

Mich hat sehr beeindruckt mit welcher Willensstärke die Mädchen Fähigkeiten entwickelten, die ihnen oft niemand zutrauen würde. Ihre Geschichten stehen stellvertretend für viele, die trotz schwieriger Umstände ihren Weg suchen. Indem wir zuhören und hinsehen, erkennen wir, was sie brauchen, um zu selbstbewussten Persönlichkeiten heranzuwachsen.

 

 

Potentiale statt Defizite

 

Die jungen Menschen und ihre Familien werden oft mit ihren Krankheitsbildern und Defiziten konfrontiert. Viele Unterstützungen und Maßnahmen lassen sich erst auf Grundlage gewisser Diagnosen und Einordnungen treffen. Während der Arbeit an diesem Film haben wir immer wieder wahrgenommen, wie wichtig es für die jungen Menschen war, dass ihre Fähigkeiten und Stärken wahrgenommen werden. Es ist entscheidend für ihren Lebensweg, ob mit ihnen überwiegend ihre Defizite oder ihre Potentiale kommuniziert werden. Ein Selbstbild, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, dass sie nicht genügen, bringen die jungen Menschen allzu oft schon durch ihre Erfahrungen mit. Die Wohngruppe und das Umfeld der Jugendhilfe sollte ein Ort sein, an dem sie Anerkennung und Wertschätzung erfahren und darin ermutigt werden, sich zu entfalten. Aus diesem Grund haben wir uns bewusst dazu entschieden die Krankheitsbilder und Diagnosen der Mädchen im Film nicht zu thematisieren, sie aus der Stigmatisierung der Opferrolle herauszuheben und sie als vollwertige Persönlichkeiten unserer Gesellschaft darzustellen. Wenn dies gelingt, stehen auch diesen jungen Menschen viele Möglichkeiten offen und wir sollten nicht den Fehler machen sie in ihren Potentialen zu unterschätzen.

 

 

Abschließend

 

DAS FAST NORMALE LEBEN möchte Raum schaffen für Diskussionen, gemeinsam mit Fachleuten, Eltern, Pädagog:innen, Jugendlichen sowie mit denjenigen, die selbst Erfahrungen in der Jugendhilfe gemacht haben. Ihre Stimmen sind aus unserer Sicht unverzichtbar, wenn es darum geht, aus Erfahrungen zu lernen und neue Wege zu finden. Der gesellschaftliche Bedarf an Unterstützung wächst stetig, während finanzielle Mittel und Fachkräfte knapp bleiben. DAS FAST NORMALE LEBEN will auf diese Realität aufmerksam machen und Fragen stellen, die über den Film hinausreichen: Wie können junge Menschen zu selbstbewussten, selbstbestimmten Persönlichkeiten heranwachsen?
Wie kann sich die Kinder- und Jugendhilfe weiterentwickeln, um sie dabei zu begleiten und um die Zukunftschancen junger Menschen in unserer Gesellschaft zu verbessern?

 

In den Filmgesprächen zur Kinotour geben wir allen Stimmen Raum und sind bereit für den Dialog.

 

 

Januar 2026